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Enslaved: Odyssey to the West

Chinesisches Cyberpunk-Märchen

Test Guest getestet auf PlayStation 3

Vor rund 500 Jahren hat einer der grossen Dichter und Schriftsteller Chinas eines der grössten Werke der chinesischen Literatur geschaffen. Dieser Mann hiess Wu Cheng’en und lebte während der Zeit der Ming-Dynastie. Sein Epos trug übersetzt den Namen „Die Reise nach Westen“ und handelt vom zwischen Himmel und Erde geborenen steinernen Affen Sun Wukong und seinem Gefährten Xuanzang. Was das mit „Enslaved: Odyssey to the West“ zu tun hat? Vieles, sehr vieles.

Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Es gibt vereinzelte Habitate, irgendwo im Nirgendwo, aber grundsätzlich wurde das menschliche Leben von damals von der Erdoberfläche gewischt. Sklavenhändler kidnappen Menschen, es ist schwierig zu überleben. Das klingt bekannt, das klingt nach „Fallout“ und anderen postapokalyptischen Szenarien. Ist es aber nicht. „Enslaved“ führt euch in eines der schönsten Endzeit-Szenarien, das wir je gesehen haben.

Zu Beginn

Ein Sklaventransport ist im Zuge abzustürzen. Monkey befindet sich in einem Gefängnis und ist dem Untergang geweiht. Er sieht eine Frau, die flüchtet. Und dann befreit er sich selber und jagt der Frau hinterher, hin zu den Fluchtkapseln.
Dabei stellen sich ihm bereits Roboter, sogenannte Mechs, in den Weg. Mit einem Stab zerteilt ihr die mechanische Brut und hetzt weiterhin der unbekannten Schönheit hinterher.

Dabei erinnert „Enslaved“ extrem an „Uncharted 2“. Vor allem dann, wenn die ersten Klettersequenzen beginnen und ihr euch unter Zeitdruck am langsam auseinanderfallenden Luftschiff entlanghangelt. Die Frau sitzt mittlerweile bereits in einer Rettungskapsel und denkt nicht daran, euch hineinzulassen. So klammert sich Monkey halt irgendwie an seine letzte Chance und wird in die Luft katapultiert. Als er aufwacht, trägt er eine Art Stirnband, so wie es die Sklaven tragen. Neben ihm steht eine verängstigte Frau, die plötzlich über ihn verfügen kann, denn über dieses Gerät muss er Befehle annehmen, auch wenn ihm das ganz und gar nicht passt. Doch die mysteriöse Frau braucht ihn, denn ohne ihn kommt sie nicht nach Hause. Und Monkey nicht ohne sie. Die Schicksale der beiden sind also fest miteinander verknüpft.

Und dann, während ihr durch die stillen Ruinen, durch die Zeugnisse menschlichen Versagens spaziert, einmal ohne Kämpfe, ohne Aufregung, stellen sich die beiden einander vor. Die Frau heisst Tripitaka. Spätestens jetzt sollte Kennern von „Die Reise nach Westen“ auffallen, dass der Spitzname des Mönchs Xuanzang ebenfalls Tripitaka war. Und von da an tauchen immer wieder Dinge auf, die dem Epos entlehnt sind.

Die Erzählung

Genau diese stillen Momente in denen oberflächlich gesehen nichts passiert, machen „Enslaved“ aus. Ninja Theory bedient sich da durchaus daoistischer Weisheit. Denn wie schon Laozi, der legendäre Verfasser des Tao Te King, geschrieben hatte, sagt nur eben der Nichtberufene tausend Worte. Was die Dialoge von „Enslaved“ stark macht, ist das Lesen zwischen den Zeilen, zwischen Zeilen, die zweifellos knapp und direkt formuliert sind. 

Die Geschichte lebt von Momenten, in denen man eine Annäherung zwischen Tripitaka, kurz Trip, und Monkey spürt. Wenn man begreift, dass Monkey zwar eine harte Schale hat, aber in ihm durchaus ein weicher Kern schlummert, wenn man begreift, dass Monkey eigentlich eine geplagte Seele, die verdammt dazu ist durch diese morbid-schöne Welt zu wandeln. Gerade er, der Freigeist, Monkey, der Affe, der durch die Baumkronen schwingen kann, stark und unabhängig sein will. Gerade er kommt nicht ohne die zerbrechliche Trip aus. Diese Art von Duo ist für chinesischen Film und Literatur typisch. Das hat bisweilen sogar poetische Kraft. Aber eben nur bisweilen.

Die Entwickler haben es versäumt, sich mehr zu trauen. So wird das eigentliche Epos eben nie das, was das Wort eigentlich vorgesehen hat: episch. Die Reise von China nach Indien wird zu einer Reise innerhalb von Amerika und aus dem Affenkönig, der die Götter erzürnte, wird ein bodenständiger Held.

Man könnte dies nun europäische Bescheidenheit nennen, was nach westlichem Kodex durchaus tugendhaft wäre. Aber leider verliert die Geschichte und Beziehung zwischen den Charakter eben dadurch an Tiefe. Die Pfade der Originalgeschichte wird verlassen, Taoismus und Buddhismus spielen keine Rolle – obwohl das die zentralen Elemente in Wu Cheng’ens Werk sind. „Enslaved“ hat durchaus Symbolkraft, aber eben nicht soviel wie die der Vorlage. Gerade gegen Ende verliert das Spiel das, was das Spiel so besonders gemacht hatte. Die Aussergewöhnlichkeit verliert sich etwas in Genrestereotypie und die Beziehung von Trip und Monkey gerät durch die witzigen Sprüche Pigsy in den Hintergrund.

Das ist aber Kritik auf hohem Niveau, denn selten schafft es ein Spiel so glaubhafte Charaktere zu zeichnen, Charaktere mit inneren Zwisten, die nie zum Ausdruck kommen, aber dennoch unweigerlich existieren. Selten, wurde so gefühlvoll erzählt, ohne dabei in den Kitsch oder in Klischees abzurutschen. Das ist ganz grosse Klasse!

Klassisches Action-Adventure

Insgesamt spielt sich „Enslaved“ wie ein typisches Action-Adventure. Gekämpft wird mit einem futuristischen Stab, der nicht nur zum Prügeln gebraucht werden kann, sondern sogar Plasma aus seinem Ende schiesst. Doch wie auch in der Buchvorlage kämpft Monkey nicht nur mit roher Gewalt, wie es zum Beispiel Kratos aus „God of War“ tut. Monkey bedient sich der List, denn er ist klug. Einerseits bedeutet das, dass die Kämpfe durchaus taktischer Natur sind – Ihr müsst ausweichen, umherspringen und die richtigen Attacken einsetzen. Sowohl Flächenattacken, als auch Stun-Angriffe stehen euch für die Gegnerkontrolle zur Verfügung.
Andererseits habt ihr schliesslich Trip an eurer Seite. Sie kann euch mit diversen Fähigkeiten zur Seite stehen, zum Beispiel um die Gegner von euch abzulenken, während ihr euch anschleicht.

Zur Ablenkung vom Kampfalltag gibt es immer wieder diese oben angesprochenen, ruhigen Minuten, die manchmal mit simplem Nebeneinanderhergehen, manchmal mit leichteren Rätseln und Klettereinlagen unterlegt werden. Das erinnert alles ein wenig an „Uncharted 2“, auch wenn man sagen muss, dass besonders die Kletterpassagen leider nicht so herausfordernd sind, wie bei „Uncharted 2“. Und schon da waren sie gelegentlich zu leicht.

Dabei eröffnen sich euch immer neue Areale, die mittels einer Art Drohne erkundet werden kann um euch eine Übersicht über das vor euch Liegende zu gewähren.

Eine schöne Szene ist übrigens, wie ihr zu dieser mechanischen Libelle kommt. Wie ein Kind hüpft Monkey durch die Bäume, angestachelt durch Trip und seine eigenen Verwünschungen. Das ganze erinnert wie eine bizarre Szene aus einer Kindheit, deren Unschuld schon länger verloren wurde, aber hier wieder zum Vorschein kommt.

Schöne, neue Welt

Das New York der Zukunft ist überwachsen mit Pflanzen und wirkt auf den ersten Anblick friedlich, wie nach einer langen Periode der Tyrannei durch die Menschen. So als wäre die Erde endlich zur Ruhe gekommen. Doch die Mechs machen diesem Eindruck einen Strich durch die Rechnung. Kann eine so schöne, farbenprächtige Welt tatsächlich von mechanischen Monstern regiert werden? Wenn man durch die dicht bewachsenen Strassen geht, will man es kaum glauben. Denn hier hält man sich in einer der schönsten, postapokalyptischen Welten auf, die je über den Bildschirm geflackert sind.

Leider darf man das letzte Wort wörtlich nehmen. Denn ab und zu kämpf die Optik mit Kantenflimmern und einem unangenehmen Flackern. Hie und da gibt es auch kleinere Clippingfehler und andere Ungereimtheiten. Insgesamt handelt es sich bei „Enslaved“ aber um ein wunderbar designtes Spiel, mit schön gestalteten Umgebungen, hintergründigen Charakteren und genialen Animationen. Auch musikalisch hat „Enslaved“ einiges zu bieten. Meist bleibt der Sound sanft im Hintergrund. Beim einfachen Umhergehen hat man kein heroisches „Ich-mache-alles-platt“-Gefühl, sondern eben dieses der Stille und des in sich Gehens.

Abschliessende Gedanken

„Enslaved“ ist nicht das erste moderne Produkt, dass sich die Legende um den Affenkönig zunutze macht. Es handelt sich dabei nicht von ungefähr um eine der populärsten chinesischen Sagen, die weit über die Landesgrenzen bekannt ist. So ist der bekannte Manga von Akira Toriyama „Dragonball“ ebenfalls von dieser Legende inspiriert. Die Geschichte verliert bei „Enslaved“ natürlich diesen typischen chinesisch-philosophischen Touch. Und man mag sich auch fragen, warum das chinesische Mittelalter einer postapokalyptischen Welt gewichen ist. Vielleicht eine politische Aussage der Entwickler? Wie darf man die Wahl dieses Szenarios verstehen? Das ist eine Frage, die jeder für sich selber beantworten muss. Und dazu braucht es viel Zeit um darüber nachzudenken.

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