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Baldur's Gate III (Early Access) - Special

Die Legende ist zurück, aber lohnt sie sich jetzt schon?

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Hirni-Gang

"Baldur's Gate III" spielt 100 Jahre nach den Ereignissen des zweiten Teils, die als abgeschlossen gelten. Ihr befindet euch an Bord eines ominösen Mind-Flayers, wo sich ein fieser Wurm ins Hirn gräbt. Auf diese Weise sollt ihr in ein gedankenkontrollierendes Monster verwandelt werden - keine schöne Vorstellung. Also gilt es, die Flucht anzutreten und einen Weg zu finden, das Vieh in eurem Schädel wieder loszuwerden. Oder eben die Macht der unheiligen Symbiose für finstere Zwecke zu nutzen. Welchen Weg ihr einschlagt, liegt ganz bei euch. Auch wenn ihr auf den Stationen durch den ersten Akt des Rollenspiels immer neue Aufträge erhaltet, bleibt dieses Ziel als oberste Maxime präsent. Ob ihr jetzt Goblins bekämpft, Rätsel löst oder Streits schlichtet (bzw. sie mit Waffengewalt löst), stets brodelt die zentrale Thematik vor sich hin und kocht aufbrausend hoch.

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Wen haben wir uns denn da ins Bett geholt?

Was den Abenteurern auf der Reise entlang der Schwertküste widerfährt, hängt letztlich von euch und der Wahl der Begleiter ab. "Baldur's Gate III" ist wunderbar nonlinear. Ihr selbst bestimmt, wohin ihr geht, welche Aufgaben ihr anpackt und wo ihr Konflikte lieber im Dialog oder mit der Keule bewältigt. Wie sich Konversationen mit NPCs (Nicht-Spieler-Charakteren) entwickeln, wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst: den Charakteren, die das Gespräch führen, ihren Attributwerten in Bereichen wie Charisma oder Weisheit, der Wahl der Antworten und nicht zuletzt dem Würfelglück. Denn oftmals entscheidet der Zufall darüber, ob Schwerter gezückt werden oder ein Feind (oder ihr) den Schwanz einzieht. Oft haben diese Beschlüsse eine hohe Tragweite; vergrault ihr jemanden, ist das meist unumkehrbar. Die Inszenierung der Diskussionen - immerhin enthält der erste Akt laut Larian mehr als 40'000 Dialogzeilen - ist oft hervorragend gelungen, und die Reaktionen der Figuren erscheinen zumeist glaubwürdig. Häufig steht man vor kontroversen Entscheidungen, die von den Begleitern kommentiert werden und eine wichtige Rolle dabei spielen, wie sich eure Beziehung zu ihnen entwickelt. Auch Liebeleien sind möglich. Mit den oft gravierenden Konsequenzen dieser Dialoge muss man als D&D-Rollenspieler leben - oder drückt auf F8, um den letzten Speicherstand zu laden und einen neuen Ansatz zu wählen oder das Würfelglück erneut herauszufordern. Es ist ein bequemes Feature, das vor allem Einsteigern die Angst vor dem Spiel nehmen könnte.

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Die Vertikalität des Spiels sollte unbedingt genutzt werden

Denn, oh ja, "Baldur's Gate III" ist komplex. Allein schon die Charaktergenerierung kann sehr lange dauern - siehe oben. Überhaupt herrscht eher Mikro- denn Makro-Management. Ständig befindet man sich in den Menüs, schaut sich die Tool-Tipps zu Zaubersprüchen und Aktionen an oder verlagert Loot von einer Figur zur anderen, um nicht überladen durch die Gegend zu kriechen. Welche Resistenzen besitzen Feinde? Mit welchen Vor- und Nachteilen ist die Gruppe aktuell ausgestattet? Klick, Klick, Klick. Wer keinen Spass daran hat, Bücher, Dokumente und Notizen zu lesen, wird viele wertvolle Hinweise auf Geheimnisse oder Quest-Lösungen verpassen. Und glaubt uns: Es gibt massig zu entdecken, Forscherdrang wird belohnt! Zum Glück könnt ihr euch viel Zeit lassen, denn Stress mit Timern ist hier unbekannt. Eher gemächlich zieht unsere bis zu vier Charaktere starke Gruppe durch die vergessenen Lande, stolpert dabei immer wieder über merkwürdige Gestalten, üble Gegner und versteckte Höhlen. Oder Fallen. Speziell bei letzteren ist man auch als erfahrener Rollenspieler froh, wenn der aktuelle Schnellspeicher-Spielstand nicht vor allzu langer Zeit angelegt wurde. Bei Sprengfallen oder ähnlichen Fisimatenten kann schnell mal die ganze Truppe draufgehen oder arg in Mitleidenschaft gezogen werden.

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Nadelöhre wie dieser Durchgang können für Fallen genutzt werden

Zeitlicher Stress ist auch in den strategischen Kämpfen von "Baldur's Gate III" ein Fremdwort. Im Gegensatz zu den vorherigen Episoden könnt ihr die Gefechte jedoch nicht simpel per Leertaste pausieren und euch eine Taktik zurechtlegen. Vielmehr laufen die auf den Dungeons-&-Dragons-5e-Regeln basierenden Scharmützel diesmal rundenweise ab, und die Figuren dürfen ihre Züge nacheinander abwickeln. Auch dabei steht man keinesfalls unter Zeitdruck - in aller Ruhe wird ausgetüftelt, welche Aktion zum Einsatz kommt, welcher Bonuszug nützlich sein könnte oder wohin die Helden sich bewegen sollen. Ihr dürft die Truppe auch aufteilen und an verschiedenen Fronten metzeln lassen. Die Kämpfe sind oft spannend, denn die Gegner-KI agiert häufig unvorhersehbar und nutzt Fehler gnadenlos aus. Es gilt zudem, die Vertikalität der Umgebung zum eigenen Vorteil zu nutzen. Wer Feinde beispielsweise aus erhöhter Position mit Pfeilen malträtiert und dazu noch eine Tarnung einsetzt, merzt selbst grössere Gegnergruppen relativ problemlos aus. In engen Gängen kann es dagegen sehr schnell ungemütlich werden, weshalb jeder Move sorgsam bedacht sein will, damit die Gefährten nicht abnippeln. Oft entstehen unglaublich packende Situationen. Da lässt man etwa eine Feindesgruppe anrücken und nutzt den Flaschenhals eines Durchgangs, um ihn mit Öl und Nebel vorzubereiten. Der Nebel behindert die Sicht des Gegners und verhindert feindliche Attacken, und das Öl kann mit einem passenden Spruch oder anderen Hilfsmitteln in Brand gesteckt werden - Bumm! "Baldur's Gate III" lebt von dieser spielerischen Freiheit und animiert den Spieler, kreative Lösungen zu finden.

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Schon allein im Charakter-Editor kann man viel Zeit verbringen

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