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Cyberpunk 2077 - Vorschau / Preview

Was zur Hölle ist denn jetzt passiert?

Vorschau Video Steffen Haubner

Sollte "Cyberpunk 2077" nicht in einer schillernden, "Blade Runner"-mässig versifften Sci-Fi-Metropole spielen? Das hier sieht eher aus wie das Texas in "No Country for Old Men": Wüste, Tankstellen, Trailer-Parks und ein schlecht gelaunter Bulle mit Spiegelbrille. Auf Einladung von CD Projekt RED haben wir uns bei der Anspielsession in Hamburg in die ersten Stunden von "Cyberpunk 2077" gestürzt. Gleich zu Beginn entscheiden wir uns für den Weg des "Nomad", eines Gang-Mitgliedes, das trotzdem sein eigenes Ding durchzieht. Alternativ hätten wir noch "Street Kid", einen erfahrenen Krieger des urbanen Dschungels, und "Corporate", einen mit Cyberware vollgepackten Agenten, wählen können. Sie alle gibt es in einer männlichen und einer weiblichen Variante, deren Erscheinung wir eingangs auch noch extrem frei anpassen können. "Extrem" heisst, dass man unter anderem sogar die Grösse des Gemächts anpassen kann oder seinen Agenten gleich mit einer Vagina ausstattet. Geschmackssache. Ob das direkte Auswirkungen auf das Spielgeschehen hat, darf allerdings bezweifelt werden.

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"Willkommen in Night City - das übrigens auch bei Tag eine Reise wert ist."

Nun finden wir uns also samt selbstgestaltetem Penis in den Badlands ausserhalb der Stadt wieder, und zwar in Gestalt des Söldners V. Der wird im folgenden Prolog seinen Sidekick Jackie Welles kennenlernen, der ihn fortan als stets bestens gelaunter Buddy und Berater in allen Lebenslagen begleiten wird. Jackie ist in diesem von Alternativen nur so strotzenden Spiel eine der wenigen alternativlosen Elemente. Zum Glück kommt der Koloss mit Hang zu handgreiflichen Auseinandersetzungen und geistigen Getränken recht sympathisch rüber, sodass man damit auf Dauer ganz gut klarkommen sollte. Erst recht, da Jackie später keinen Einfluss darauf nimmt, wie wir unsere Missionen lösen und wie wir unseren Charakter weiterentwickeln. Fürs Erste treten wir mit ihm gemeinsam den Weg nach Night City an, wo uns eine cineastische Sequenz erzählt, wie sich V mit Jackie anfreundet.

Eintauchen in den Grossstadtdschungel

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"Mit dicken Kisten um die Blöcke cruisen macht Spass, ist aber nicht viel mehr als eine nette Zugabe."

Night City, das fällt bereits anhand einer Wandkarte auf, die wir bei unserer Einreise zufällig in der Kontrollstation entdecken, ist kleiner als die Welt von "The Witcher 3" - zumindest, wenn man die flächenmässige Ausdehnung betrachtet. Das bedeutet aber keineswegs, wie uns von Entwicklerseite sofort versichert wird, dass es auch weniger zu entdecken gibt. Das liegt unter anderem daran, dass die Gebäude in "The Witcher 3" selten mehr als ein oder zwei Stockwerke besitzen. In "Cyberpunk 2077" bekommen wir es dagegen mit teilweise extrem verschachtelten, vielstöckigen Gebäudekomplexen zu tun; die Stadt ist als eine Art digitale Miniatur Hongkongs angelegt, das von NPCs (Nicht-Spieler-Charakteren) und interaktiven Elementen nur so wimmelt. Der Vergleich zum Hexer hinkt also, und zwar nicht nur an dieser Stelle. Trotzdem drängt er sich natürlich immer wieder auf. Denn so verblüffend es ist, dass diese letztlich so vollkommen andere Welt auf Grundlage der gleichen - allerdings stark modifizierten - Engine erstellt wurde, gibt es doch viele Déjà-vu-Momente wie die Tatsache, dass man sein Fahrzeug im späteren Verlauf wie Geralts treues Ross Plötze bei Bedarf herbeirufen kann.

In "Cyberpunk 2077" hat man allerdings eine weit grössere Auswahl bei den Fortbewegungsmitteln, sodass man sich mit dem Protzboliden seiner Wahl durch die Strassen bewegen und dabei ordentlich auf dicke Hose machen kann - sofern man im eingangs erwähnten Editor die richtige Wahl getroffen hat, versteht sich. Obwohl es, wie uns Leveldesigner Miles Tost verrät, später im Spiel auch noch Autorennen geben wird, sind die Fahrzeuge in erster Linie Fortbewegungsmittel und keine das Gameplay darüber hinaus beeinflussenden Elemente. Es fühlt sich anfangs etwas überdimensioniert an, mit diesen Geschossen um die Häuser zu kurven, da man die kurzen Strecken eigentlich auch gut zu Fuss zurücklegen könnte. Aber es gibt ja auch noch viel zu entdecken.

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Es darf geballert werden - aber dabei bitte nicht vergessen, gelegentlich einen Blick auf die liebevoll gestalteten Fassaden mit ihren schrillen Werbetafeln zu werfen!

Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass Night City der heimliche Protagonist von "Cyberpunk 2077" ist. Die Designer haben hier ihre eigene Vision einer von korrupten Politikern, Gangs, organisiertem Verbrechen und Megakonzernen regierten Zukunftsmetropole entworfen. An den unterschiedlichen Stadtteilen wird die soziale Ungleich zwischen extrem reich und extrem arm augenfällig. Wer hier überleben will, muss sich auf die eine oder andere Art prostituieren. Apropos: CD Projekt RED hat auffällig viel Sex ins Spiel einfliessen lassen - als Europäer kann man sich da vermutlich mehr erlauben, als wenn das Spiel in Übersee produziert worden wäre. Night City ist ein zur Stadt gewordenes Bahnhofsviertel. Die Fassaden strotzen nur so von Neonreklamen, Firmenschriftzügen und Werbetafeln, von denen viele einen zweiten Blick wert sind. Die darin verborgenen Anspielungen, Gags und Hinweise würden vermutlich mindestens einen ganzen Artikel füllen. Ein fünfköpfiges Team war einzig und allein mit dem Entwerfen dieser Elemente beschäftigt, für die man nur sehr ungern den Begriff "Dekoration" verwendet.

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