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Die GAMES.CH Kolumne #09-2017

Warum Entwickler mehr wagen sollten

Artikel Video Michael

Mehr Unsinn wagen!

Was ich mit alldem sagen will: Ich liebe Ego- und Third-Person-Shooter und Action-Adventure. Aber dadurch, dass sie den Markt der Videospiele dominieren, geht uns wohl vieles verloren. Es gibt kaum Entwickler, die Anstrengungen unternehmen, Genre-Konzepte und Videospielmechaniken neu zu denken oder sich trauen, unser Verständnis davon, was ein Videospiel sein kann, herauszufordern. Und wenn, dann sind das stets Einzelkämpfer, die einen echten Kraftakt vollführen. Für das Indie-Wuchtwerke „The Witness“ erschuf Jonathan Blow eigens ein Rätselsystem, das wie eine Sprache funktioniert. Der Spieler muss lernen, dessen Taxonomie und Grammatik zu deuten. Im knuffig-genialen „Undertale“, das sich wie ein Japano-RPG gibt, muss der Spieler nicht kämpfen, sondern reden und Freundschaften schliessen. Und „Everything“, was immer es letztlich auch genau ist,… es ist zumindest anders! Derartiges ist viel zu selten. Vor allem aber: Viel zu Indie! Grosse Studios und Publisher, die es sich leisten können, sollten Risiken und Wagnisse eingehen, Dogmen zu hinterfragen und die Videospielwelt auf den Kopf zu stellen – nicht nur Indie-Entwickler, die dabei ihre Existenz riskieren.

Screenshot

So grossartig und spannend viele der kommenden Games auch sein mögen: Sie zeugen nicht nur von bescheidener Kreativität, sondern auch mangelndem Wagemut und verschwendeten Potential. Denn die Entwickler hinter den grossen Marken der Videospielindustrie könnten viel mehr leisten – und wollen das sicher auch. Denn sie alle versuchen Jahr um Jahr lediglich, den Spieler stetig im Griff der Spannung zu halten, ihm zu geben, was er kennt – und instrumentalisieren dafür ausschliesslich Konflikte und Gewalt. Das schadet dem Fortschritt des Videospiels als Medium und Form der Kunst und Kultur. Nicht zuletzt werden uns als Spieler dadurch wohl unzählige Möglichkeiten vorenthalten, Geschichten auf neue und ungekannte Weise zu erleben. Aber auch gänzlich neue Arten von Geschichten, die erst durch neue Konzepte ermöglicht werden würden. Vielleicht sogar Geschichten, die ich mit übernächtigtem Geist geniessen kann und bei denen ich nicht sofort drauf gehe, nur weil ich schlaftrunken nicht schnell genug reagiere und mir im Sekundentakt Explosionen entgegenfliegen.

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