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Die GAMES.CH Kolumne #01-2019: Tolle Welt, mieses Game

Der grösste Makel von Anthem ist sein Genre

Artikel Video Michael

Mit "Anthem" hatten EA und Bioware viel versprochen. Aber wie jetzt feststeht, ist der Loot-Shooter ein kruder Mix, der viele mit flachem Gameplay und nervigen Fehlern enttäuscht. Der grösste Frustfaktor für mich ist allerdings die blamable Geschichte. Denn hier wäre soviel mehr möglich gewesen – insbesondere da die Welt von „Anthem“ durchaus faszinieren kann.

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Schön sieht es ja aus. Saftige Wiesen ziehen sich dahin. Dicht wuchern Sträucher und Bäume, die sich an die von Wind und Wetter gegerbten Felshänge krallen. Dazwischen schlängelt sich ein rauschender Fluss. Weit drüber schwebe ich – oder besser gesagt: mein Held – in der fetten Colossus-Roborüstung, deren Düsen wild und flammend fauchen. Links und rechts kommen langsam meine Mitstreiter in ihren Panzerkostümen ins Bild. Ja, die Optik von „Anthem“ ist schon umwerfend. Die Welt ist schick und spannend anzusehen. Und dann: Sturzflug hinab in die Tiefe. Dann hochziehen und dahin surren wie Tony Stark in seinem Iron-Man-Anzug. Wuh! Wow! Cool! Ja, das fühlt sich fantastisch an und macht soviel Lust auf das, was kommen könnte. Doch leider macht das, was dann kommt keinen Spass mehr.

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Ich sag es wirklich nur mit schwerem Herzen: Bioware hat es verkackt. Denn die Optik, die wunderschöne Welt, das Fliegen: Tja, das sind die einzigen Dinge, die ich an „Anthem“ toll finden kann – vielleicht noch abgesehen davon, dass es keine Lootboxen gibt: Die Kämpfe sind der Spielkern. Doch die sind simpel aber trotzdem unnatürlich zäh. Es wird einfach aus allen Rohren gefeuert – und das oft nur vom Boden aus. Taktieren, Strategien anwenden, das ist ob des Chaos oft schwer möglich und nur seltenst nötig. Meist reicht ein „Leute, haltet drauf!“, um die Schlachten zu bestehen. Die Dynamik, die die coolen Rüstungen versprechen: Gibt's nicht. Auch das Aufleveln und Vorankommen, das alles mag nicht begeistern, weil es belanglos wirkt. Der Fortschritt wird nicht sicht- und spürbar. Bioware hat also vor allem eines nicht hinbekommen: Motivation zu erzeugen, die zum weiterspielen anregt. Die Tragik: Was es dafür gebraucht hätte, war einst das Steckenpferd des Studios aus Kanada. Nämlich eine gute und fesselnde Story – und das in einem anderen Genre.

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