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Die GAMES.CH-Kolumne #07-2019 - Horror!

Wir brauchen mehr absurden Horror

Kolumne Video Michael

Mehr frischer Totenwind

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Ich sage nicht, dass sich all die bekannten Horror- und Gruselelemente überlebt hätten. Aber sehr wohl, dass auch der Horror - vor allem im Videospielbereich - neue Anstösse nötig hat. Er sollte aufregender, unvorhersehbarer und damit auch wieder spannender werden. Anregungen und Ansätze? Die gibt es - und zwar nicht wenige. Bereits seit einigen Jahren bildet sich beispielsweise langsam eine Bewegung, die "New Weird" getauft wurde. Hier vermischen Autoren verschiedene Genres, überkreuzen Horror, Science-Fiction und Fantasy. Dabei transzendieren und dekonstruieren eben jene Genres und ihre Klischees. Daraus erwachsen Geschichten wie die "Southern Reach"-Romantrilogie von Jeff VanderMeer, deren Auftakt unter dem Titel "Auslöschung" verfilmt wurde. Eine Gruppe von Forscherinnen erkundet darin eine mythische Zone, in der ein ausserirdisches Artefakt niedergegangen ist.

In der sogenannten Area X verläuft alles anders. Menschen verwandeln sich in Pflanzen, Monster kreischen in der Stimme ihrer Opfer - und sowieso: es herrscht eine surreale Traumlogik. Sprache und Bilder sind nie ganz eindeutig. Den Leser befällt ein Gefühl der Unsicherheit; die Beschreibungen lassen Raum für die eigene Imagination und Bilder des Grauens. Das Gleiche gilt für den Indie-Horrorfilm "YellowBrickRoad" von Jesse Holland und Andy Mitton, in dem ein Filmteam der Bevölkerung eines Dorfes hinterherspürt, die 1940 in den Wald gelaufen und verschwunden ist. Dieser Film schafft es, eine nahezu sphärische Atmosphäre aus Verstörung, Entfremdung und Uneinheitlichkeit zu erzeugen - und das über weite Strecken ganz ohne Blut, Tod und Schockmomente, sondern durch Klänge, Dialoge und die wahrlich spürbare Ungewissheit der Darsteller. Es ist eine Erfahrung, die mit einem ganz anderen Grusel zurücklässt. Weniger Schock und Gewalt, sondern mehr Verunsicherung, Unbehagen und Verlorenheit. Das grossartige "Control" des "Max Payne"-Machers Remedy orientiert sich am "New Weird", ist jedoch viel eher Action als Horror - aber zeigt dennoch, welches Potenzial hier schlummert.

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